„Rund ums Haus»

Landen ist doof
Hans Spielmann, Quelle: Vontobel-Schriftenreihe / Die Welt der Vögel / Franziska Witschi / 2017 / Auszug

Es gibt Menschen, bei denen sich unvermittelt ein Glücksgefühl einstellt, wenn Ende April, Anfang Mai das charakteristische Kreischen der heimgekehrten Mauersegler erklingt. „Srii, srii, srii“ tönt es zwischen den Häusern, eine mediterrane Leichtigkeit wird fühlbar, der Sommer kommt, und alles wird gut.

„Spyre“ werden die Mauersegler ihrer schrillen Rufe wegen in der Schweiz auch genannt. Bereits einen Monat früher sind die Alpensegler zurückgekommen. In Biel nisten sie im Turm der Stadtkirche in der Altstadt. Sie sind grösser und haben im Gegensatz zum einfarbig dunklen Mauersegler einen weissen Bauch und eine weisse Kehle, und sie rufen laut trillernd „brrriiii brrriiii“.

Die Familie der Segler, zu denen Mauer- und Alpensegler gehören, heisst wissenschaftlich Apodidae, die Fusslosen. Das ist etwas übertrieben, denn Füsse haben Segler schon. Doch benutzen sie sie praktisch nie. Die Beine sind denn auch kurz, die Füsse schwach, sie taugen nicht zum Gehen – bestenfalls dazu, sich an einer Wand festzukrallen. Gleichzeitig sind die langen Flügel hinderlich beim Auffliegen vom Boden. (Findet man einen unverwundeten Segler am Boden, der nicht mehr auffliegen kann, hebt man ihn am besten in der hohlen Hand in die Höhe, so dass er sich abstossen und davonfliegen kann.) Segler haben sich vollständig auf das Leben im Luftraum spezialisiert. Sie sind Flugjäger, die dank breitem Rachen fliegend Insekten aus der Luft pflücken. Ihr spindelförmiger Körper hat die aerodynamisch optimale Form, und dank dem Verhältnis von Flügelfläche zu Körpergewicht spart der Segler beim Fliegen bis zu 70 Prozent der Energie, die andere Vögel gleicher Grösse benötigen. Jemand nannte Segler auch schon die Delfine der Luft, verfügen Delfine doch über den perfekten stromlinienförmigen Körper für die behende Fortbewegung im Wasser.

Mauersegler trinken im Fliegen, indem sie knapp über die Wasseroberfläche gleiten und den Unterschnabel kurz eintauchen, und – es ist kaum zu glauben – sie paaren sich im Fliegen. Dass sie auch im Flug schlafen, wissen wir dank Emil Weitnauer, einen basellandschaftlichen Lehrer, der in den 1950er Jahren mit Leidenschaft Mauersegler beobachtete. Seine Neugier trieb ihn so weit, dass er nachts in ein Kleinflugzeug (oder auch mal in einen Heissluftballon) stieg und den Seglern folgte. Die Flüge und später auch Radarmessungen bestätigten seine Vermutung: Mauersegler verbringen die Nacht im Flug. Abends steigen sie in grosse Höhen mit wärmeren Luftschichten auf, um am Morgen mit grossem Tempo wieder in die Niederungen zu gleiten. Gleichwohl kommen die Vögel zur Ruhe. Im Schlaf bleibt die eine Hirnhälfte aktiv. So kann der Vogel gleichzeitig navigieren und sich erholen. Für Arbeitssame unter uns eine traumhafte Vorstellung.

Doch fürs Brüten brauchen selbst Segler festen Boden unter den Füssen. Kehren sie im Frühling in die Brutgebiete in Europa zurück, setzen sie ihre Füsse nach Monaten zum ersten Mal wieder auf. Schwedische Forscher konnten kürzlich nachweisen, dass ein Mauersegler zehn Monate ununterbrochen in der Luft verbracht hatte. Denkbar ist sogar, dass ein Segler nach dem ersten Abflug aus der Bruthöhle jahrelang nicht mehr landet und seine Füsse erst aufsetzt, wenn er drei Jahre alt ist. Denn erst in diesem Alter brüten Mauersegler zum ersten Mal.

Wir freuen uns bereits jetzt auf die baldige Ankunft der Segler, die alle Jahre wieder im Glockenturm der reformierten Kirche Täuffelen Junge aufziehen.
Empfehlung: Die vollständige Publikation (90 Seiten) kann unter „www.vontobel-stiftung.ch/DE/Schriften-
reihe“ gratis als Druckversion bestellt oder als elektronische Version heruntergeladen werden.