Info 2575: Editorial

Adolf Ogi‘s „Freude herrscht“ war gestern – Fordern und verhindern ist heute – Was ist morgen?
Ein paar Gedanken eines abtretenden Gemeinderates: Beat Zahnd

Geprägt durch mein Elternhaus
Meine Kindheit verbrachte ich in der Mörigenkurve auf dem Bauernhof meiner Eltern zusammen mit zwei Schwestern. Wir lebten in einem Drei-Generationen-Haushalt. Gegenseitige Rücksichtnahme war selbstverständlich und Nachbarschaftshilfe an der Tagesordnung. Wir Kinder erlebten hautnah was es bedeutet, gerade genügend Einnahmen zu haben, um die laufenden Rechnungen und die nötigen Anschaffungen zu bezahlen. Wenn zum Beispiel die Kirschenernte – eine unserer Haupteinnahmequellen – „verhagelt“ wurde, war Rechnen und vor allem Sparen angesagt.

Wir Kinder mussten von klein auf mithelfen im Stall und auf dem Feld, was nicht immer lustig war. Das Realisieren, dass zuerst etwas geleistet und verkauft werden muss, um anschliessend Geld zu haben, welches für den Lebensunterhalt ausgegeben werden kann, hat uns geprägt und für die berufliche Karriere eine gute Basis geschaffen. Dies sind Werte und eine Einstellung, welche die SVP auch heute noch versucht zu vermitteln. Ich bin nicht mit allem einverstanden, was unsere Mutterpartei lanciert. Dass man jedoch heutzutage angefeindet wird, sobald man sich als SVP-Sympathisant zu erkennen gibt, ist bedenklich. In unserem Gemeinderat ist dies aber zum Glück nicht der Fall.

Zwölf Jahre habe ich mich nun für unsere Gemeinde eingesetzt und bin dankbar für das Vertrauen der Bevölkerung und die vielen positiven Erlebnisse. Ein Jahr war ich in der Planungskommission und elf Jahre im Gemeinderat, Ressort Planung sowie Präsident der Bau- und Planungskommission. Während dieser Zeit haben wir u.a. eine umfassende Ortsplanrevision durchgeführt, im Breitenfeld die rechtlichen Voraus-
setzungen geschaffen, damit die Wohngut AG ihr Wohn- und Altersheim erstellen und das Medi-Zentrum realisiert werden konnte, sowie erfolgreich die Planung und Realisierung der Primarschulhauserweiterung und der Kita durchgeführt. Dies alles ohne die Gemeindefinanzen aus dem Lot zu bringen. In diesen zwölf Jahren habe ich im Gemeinderat mehrere Kolleginnen und Kollegen kommen und gehen sehen. Die „Neuen“ wurden immer gut und korrekt aufgenommen, unabhängig von welcher Partei sie gestellt wurden. Trotz zum Teil heftigen Diskussionen und unterschiedlichen Auffassungen, werden in der Regel gute Kompromisse gefunden. Auch nach gehässigen Debatten verabschieden wir uns am Ende der Sitzung mit Handschlag (vor Covid-19) und können einander jederzeit problemlos in die Augen schauen.

Herausforderungen für den neuen Gemeinderat
Die grösste Herausforderung in den nächsten Jahren wird nicht die Zusammenarbeit im Gemeinderat sein. Vielmehr machen mir die ständig erweiterten Vorschriften und die Personal-Aufstockung in unserer Kantons- und Bundesverwaltung Sorgen. Es ist unglaublich, wie sich die Zusammenarbeit mit dem Kanton in den letzten zehn Jahren verändert hat. Die „alte Garde“ z.B. im AGR (Amt für Gemeinde und Raumplanung) wurde durch eine neue Generation abgelöst: Junge, juristisch gut ausgebildete Leute, vielfach jedoch ohne oder mit wenig „Felderfahrung“. Kompromisse und Spielräume werden nicht genutzt. Entscheidungen werden nur mit juristischen Absicherungen gefällt. Entscheide mit gesundem Menschenverstand werden nicht zugelassen. Jeder hat vor möglichen Konsequenzen Angst und die Zivilcourage fehlt.
Beispiel Seeuferplanung: Seit drei Jahren sind wir (Planungskommission und Gemeinderat) mit unseren Planern und dem Kanton daran, die Seeuferplanung zu überarbeiten. Jetzt im Mitwirkungsverfahren und der Vorprüfung nehmen acht kantonale Ämter dazu Stellung und fordern zusätzliche Abklärungen und Änderungen, welche sich teilweise sogar widersprechen. Dadurch wird eine zeitnahe und speditive Umsetzung verhindert und ein enormer Zeit- und Kostenaufwand generiert.

Fordern, was mir nützt und verhindern, was mich stört.
Auch folgende Feststellung beschäftigt den Gemeinderat und die Gemeindeverwaltung immer stärker. Die Solidarität unter den Gemeindebürgern nimmt ab und die Eigeninteressen werden lautstark und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln eingefordert. Persönlichen Präferenzen wie: z.B. freie Aussicht, keine hör- und sichtbaren Nachbarn, keine störenden Ausfahrten von Tiefgaragen vis-à-vis der eigenen Liegenschaft, etc. werden mit allen Mitteln verteidigt. Mit anderen Worten; „Ich habe meine Traumliegenschaft, die andern sollen schauen wo sie bleiben.“ Dabei wird ausgeblendet oder ist den Leuten nicht mehr bewusst, dass im März 2013 das Schweizer Stimmvolk mit grossem Mehr die Revision des Raumplanungsgesetzes (RPG) angenommen hat. Im Kanton Bern betrug die Zustimmung 66.8 Prozent. Damals wurde auch darüber abgestimmt, dass die innere Verdichtung vorangetrieben werden soll und Neueinzonungen nur noch sehr restriktiv bewilligt werden. Allerdings wenn es jetzt ums Umsetzen geht, sind die Eigeninteressen grösser und z.B. das innere Verdichten wird durch Einsprachen verhindert oder zumindest verzögert.

Unser Gemeinderat und die Verwaltung werden zudem vermehrt mit Forderungen durch Gruppierungen und Interessengemeinschaften konfrontiert, welche an Gemeindeversammlungen Anträge stellen und/oder über Unterschriftensammlungen Eingaben einreichen, welche vielfach bereits im Gemeinderat oder an einer Gemeindeversammlung abgelehnt wurden. Ein enormer Aufwand ohne eigentlichen „Ertrag“.

Wohnen in unserer Gemeinde ist ein Privileg, gerade in der Corona-Zeit. Wir sind nicht auf grosse Einkaufszentren angewiesen. In unserem Dorf gibt es ein umfassendes Angebot (fast) aller Artikel des täglichen Bedarfs. Bei Coop; Denner; Familie Laubscher, Bäckerei und Lebensmittel; Metzgerei Schütz, Drogerie Burkhard; Familie Ernst Bichsel, Blumen und Gemüse und alle unsere Hofläden. Auch unsere Veloverkaufs- und Reparaturwerkstatt, welche nicht nur am „Freitag“ dem neuen Velo-Boom gerecht wird, ist viel wert. Ein Privileg ist es aber auch, wie wir hier wohnen können. Nahe am Wald und dem See, gut erschlossen mit Auto und öffentlichem Verkehr. Ich glaube, es ist uns während dem Lockdown allen bewusst geworden, wie gut es uns geht verglichen mit Leuten, die in einer Grossstadt mit oder ohne Balkon leben.

Zum Schluss komme ich noch zurück auf die Frage: Was ist morgen? Ich befürchte, dass schweiz- und weltweit der Frust und die Missgunst weiter zunehmen werden. Daher sollten wir als Dorfgemeinschaft die Solidarität untereinander pflegen – wie während dem Lockdown –, mehr Toleranz walten lassen und die privilegierte Wohnqualität bewusst geniessen, damit wenigstens in unserem Dorf wieder etwas mehr
„Freude herrscht“.