Info 2575: Editorial

Hallo Nachbar, hallo Nachbarin, wie geht es dir?
Lukas Weiss, Täuffelen

Social Distancing ist das Schlagwort der Stunde. Es ist medizinisch gesehen fraglos das richtige Mittel, um eine Pandemie abzubremsen und ich versuche, mich so gut es geht, daran zu halten. Als Nebeneffekt führt es uns aber in die Isolation. Soziale Distanz um jeden Preis unterstützt egoistisches Handeln, auch wenn es zum Wohlergehen gefährdeter Menschen beiträgt. Haben auch Sie Ihre Vorräte und Ihre finanziellen Reserven geprüft, mehr haltbare Lebensmittel eingekauft als üblich und, falls Sie welche hatten, Aktien verkauft? Kaum jemand fragt sich in einem solchen Moment, ob das was er oder sie tut, dazu beiträgt, die allgemeine Situation zu verbessern.

Auch ich brauchte Zeit, um mich neu zu orientieren. Auch mein Berufsleben ist auf den Kopf gestellt: Kulturveranstaltungen und Schulungen wurden abgesagt, eine Entschädigung für die Einkommensausfälle von Klein- und Kleinstunternehmen ist nicht in Sicht. Vielen in unserer Gemeinde ergeht es ähnlich. Es ist nicht nur die Krankheit, die Angst verbreitet. Es sind existenzielle Ängste, die sich ausbreiten. Doch eines ist mir in den letzten Tagen klar geworden: soziale Distanz darf nicht soziale Isolation bedeuten.

Wer denkt jetzt noch an die Flüchtlinge an Europas Aussengrenzen, wer an verhungernde Kinder in kriegsversehrten Ländern? Während die Aussengrenzen zur EU geschlossen werden – wohlgemerkt für Menschen, nicht für Waren – ziehen wir unsere inneren Grenzzäune hoch. Wir kapseln uns ab, gehen auf Distanz.
Daher mein Vorschlag: lassen wir die soziale Distanz nicht zur sozialen Abkapselung werden. Die naheliegendste Möglichkeit ist die Nutzung sozialer Medien und digitaler Lösungen. Ein Teil meiner Kurse findet nun online mit Lernvideos statt. Aber auch andere Lösungen sind denkbar: Wann haben Sie das letzte Mal einen Brief, nein, keine E-Mail, einen richtigen Brief oder eine Postkarte geschrieben? Noch dürfen wir den herannahenden Frühling geniessen und über den Zaun Nachbarschaftsgespräche führen. Suchen Sie bewusst Kontakt zur Nachbarschaft (zwei Meter Abstand halten!). Lassen Sie Ihre Nachbarn wissen, dass Sie da sind, auch wenn Hilfe oder Material benötigt wird oder Lebensmittel-Einkäufe getätigt werden müssen. Und warum nicht einfach auf die leere Strasse ein Kreidebild malen, eine Botschaft mit einem Plakat am Balkon verkünden oder sogar mal für einen Moment das Fenster öffnen und Musik erklingen lassen?

Und ja, unterstützen Sie die lokale Wirtschaft, denken Sie an unsere lokalen KMUs, an unsere Bauern: kaufen Sie nicht bei Zalando oder beim anonymen Lieferservice. Vielleicht können Sie sich Ihre Pizza ja aus dem Restaurant nebenan kommen lassen, die Lebensmittel aus dem Dorfladen, vom Bäcker oder unserem Metzger. Erteilen Sie Aufträge. Viele Arbeiten in Büro und Werkstatt können auch jetzt noch ausgeführt werden.
Was uns in der Krise am meisten fehlt, ist soziale Fantasie. Lassen wir sie erblühen!