Info 2575: Editorial

„Angela“
Brigitte Gross, Hagneck

Da steht sie, unsere Angela, imposant und beharrlich mit hängenden Mundwinkeln. Tag ein Tag aus, Sommer und Winter. In voller Pracht und Platz einnehmend stellt sie vieles in den Schatten. Ob unsere Angela deutscher Abstammung entspringt, entzieht sich unserer Kenntnis. Aber sicher wissen wir, dass sie mit Politik nichts am Hut oder besser gesagt nichts an ihrer Baumkrone hat. Es ist nämlich ein Nussbaum, den wir vor gut 23 Jahren als kleines unscheinbares Bäumlein von einer Bekannten geschenkt bekommen hatten.

Etwas gar nahe und unwissend um die gewaltige Reichweite, die so ein Nussbaum mit den Jahren erlangen wird, pflanzten wir den damals noch namenlosen Baum neben unser neu erbautes Haus. „DER Nussbaum“ – eindeutig männlich. Wieso also der weibliche Name „Angela“?  Auf der Baumrinde sind zwei Augen sowie ein Mund mit hängenden Mundwinkeln erkennbar (siehe Foto Editorial Info2575-Heft Juni 2018).

Gebe ich Gegenständen, Tieren oder Pflanzen einen Namen, wird die Beziehung zum namentragenden Gegenüber sofort etwas intimer und persönlicher, so finde ich. Wenn ich zum Beispiel durch den Garten schreite, schauen mich Angelas markante Augen an. Nicht unfreundlich, eher forschend. Die Mundwinkel immer nach unten gezogen, so wie die deutsche Bundeskanzlerin dies oft etwas unvorteilhaft tut.

Angelas Baumkrone ist ein Tummelfeld für viele Vögel. Den Buntspecht können wir des Öftern beobachten, wie er an der moosbeschichteten Rinde nach Nahrung sucht. Den Krähen sehen wir zu, wie sie Baumnüsse stibitzen, die sie alsdann im Fluge aus luftiger Höhe gezielt auf die nahegelegene Strasse fallen lassen, in der Hoffnung, dass Autos die Nüsse überfahren und so das leckere Innere frei geben. Marder wiederum benutzen Angela gerne nachts als willkommene Kletterhilfe. Wildes Herumtollen auf unserem Hausdach an lauen Frühlings- und Sommernächten ist besonders beliebt bei den liebestollen Mardern. Da kann es schon passieren, dass wir ob dem Lärm die eine oder andere Nacht aus dem Schlaf gerissen werden.

Unsere Angela ist im Herbst ganz schön anstrengend. Ihre ausladenden Äste sind vollbehangen mit schlecht verrottenden Blättern, die sie bei den ersten Herbstwindstössen weit über den Rasen fallen lässt. Mit einem beherzten Spruch „wir schaffen das“ sprechen mein Mann und ich uns jeweils gegenseitig Mut zu und greifen zu unseren Laubrechen. Mittlerweile türmen sich in unserem Garten meterhohe Laub- und Asthaufen, die wir der Biodiversität zu liebe das ganze Jahr über liegen lassen, ganz ohne schlechtes Gewissen ob dem „Gnusch“ im Garten.

Auch wenn wir uns manchmal anstelle eines grossen Nussbaumes lieber einen etwas kleineren, pflegeleichteren Baum wünschen, möchten wir unsere Angela dennoch nicht missen.