Info 2575: Editorial

Freundschaft in der Corona Zeit
Therry Jaberg, Täuffelen

Eines meiner Lieblingsbücher ist das Etymologische Wörterbuch des Deutschen. Ich verstehe gerne wie ein Wort entsteht und woher es kommt. Letzte Woche bin ich zufällig dem Wort „Freundschaft“ begegnet. Da steht, dass eine Freundschaft ein Vertrauensverhältnis oder eine Blutsverwandtschaft ist. Sowie herzlich, verbindlich und wohlwollend. Ja natürlich, sagt der Leser – nur welche persönlichen Emotionen oder Erwartungen stecken dahinter?

Die Corona Zeit hat mich viel nachdenken lassen über Beziehungen und Freundschaften. Wahrscheinlich hatte ich auch etwas mehr Zeit über Dinge nachzudenken und kam dabei häufig ins Grübeln.

Das Social Distancing hat meines Erachtens spürbaren Einfluss auf das „Gemeinsame“. Ich bin weder die tüchtige „WhatsApplerin“ noch telefoniere ich sehr gerne. Am liebsten spreche ich mit Menschen direkt. Das wurde jetzt jedoch schwierig und ich musste mich häufig an der Nase nehmen und mich, soweit möglich, aktiv um Beziehungen kümmern. Ich habe viel an liebe Menschen oder Situationen gedacht. Wie es der kranken Mutter von Freunden geht oder Familienangehörigen, welche nicht mehr in ihr Land zurückkonnten.
Der Vater einer Freundin ist schwer erkrankt und liegt zurzeit im Sterben. Das beschäftigt mich sehr und ich leide häufig mit in solchen Situationen.

Auch hatte ich das Gefühl, dass weniger Wohlwollen und mehr Verunsicherung vorhanden ist. Plötzlich wird man zurechtgewiesen oder gewertet – das ursprüngliche Vertrauen bröckelt und teils zeigen sich andere Gesichter. Das macht mich nachdenklich. Andererseits gibt es aber auch die Chance, das wahre Gesicht einer Person zu erkennen und diese Ehrlichkeit wiederum mag ich.

Mein Fazit aus dieser Zeit ist, dass ich mich gerne um Menschen kümmere, wenn es gegenseitig ist – sonst muss ich mich üben, „Freundschaften“ ruhen zu lassen. Die Beziehungen so zu akzeptieren wie sie sind und dankbar sein, für das was ist. Nichts erwarten, sondern wohlwollend sein. Nicht werten, sondern die Verantwortung für einen positiven Impuls übernehmen. Teilweise herausfordernd aber durchaus lehrreich und aus meiner Sicht sinnvoll in dieser schwierigen Zeit. Freundschaft muss nicht perfekt sein – aber echt. Freunde sind Menschen, die dir nicht den Weg zeigen, sondern ihn einfach mit dir gehen.