Info 2575: Editorial

Globalisierung: Fluch oder Segen?
Reto Walser, Hagneck

Ein Editorial (Leitartikel, Vorwort) nimmt meist Bezug auf den Inhalt des Magazins oder der Zeitschrift. Da ich diesen aber nicht kenne, will ich über eine Meldung sinnieren, welche ich aus den Nachrichten von Radio SRF aufgeschnappt habe.

Eine neue Studie des Universitätsspitals Basel besagt, dass die Lieferengpässe bei Medikamenten in der Schweiz zunehmen. Diese Engpässe betreffen demnach fast alle Medikamentensparten. Das könnte zu einem Problem für Patienten werden.

Im Moment gibt es in der Schweiz rund 200 Lieferengpässe für Medikamente. Laut Christoph Meier, Chef-apotheker des Basler Unispitals, ebenfalls an der Studie beteiligt, sei das eine hohe Zahl. Bis jetzt habe man immer eine Lösung gefunden. Nur, wie sieht diese denn aus? Zitat Herr Meier: „Man telefoniert, man faxt, man mailt, man sucht in der ganzen Welt (?!), bei Grossisten, bei anderen Firmen, bei spezialisierten Importeuren, es gibt Zollformalitäten zu erledigen“. Zitatende.

Können Sie sich, liebe Leserin, lieber Leser, vorstellen, welchen zusätzlichen Zeitaufwand dies für die Spital-apotheken bedeutet? Und was sind die Gründe für diese zunehmende Tendenz der Medikamentenknappheit? Zumindest für die zweite Frage gibt es eine Antwort und diese wird die Befürworter der Globalisierung nicht erfreuen, aber ich denke, auch nicht sonderlich erschrecken.

Einer der wichtigsten Gründe, weshalb diese Lieferengpässe überhaupt existieren, liege in den zentralisierten Herstellungsprozessen. Es gibt tatsächlich Wirkstoffe, welche nur noch in einer einzigen Firma weltweit produziert werden. China, aber auch Indien gehören zu diesen produzierenden Ländern. Wenn nun an diesem einzigen Standort ein Ereignis stattfindet, z.B. ein Brand o.ä., steht die Produktion für die ganze Welt still. Nein, Sie brauchen nicht die Augen zu reiben, Sie träumen nämlich nicht.

Ein weiterer Grund für die Lieferengpässe in der Schweiz stellt der kleine Markt in unserem Land dar. Daher stehen wir nicht zuoberst auf der Prioritätenliste. Zitat: „Das Problem wird sich in nächster Zeit wahrscheinlich verschlimmern“. Es könne nämlich sein, dass Patienten statt eines Medikamentes der ersten Wahl eines der dritten oder vierten Wahl erhalten, weil nur noch diese erhältlich seien. Aber, aber; die Preise in der Schweiz sind aber nach wie vor allererste Wahl, d.h. wir bezahlen immer noch Höchstpreise für Medikamente.

Das Beste kommt, wie immer, zum Schluss. Es wird doch tatsächlich angeregt oder zumindest darüber nachgedacht, ob nicht evtl. der Bund auf die Pharmafirmen zugehen und diese mittels finanziellen Anreizen dazu bringen solle, Medikamente wieder in der Schweiz zu produzieren. Ja klar doch, die Gewinne der Globalisierung (Finanzoptimierung) und somit der Zentralisierung dem Shareholder (Aktionär) und die Kosten bitteschön dem Steuerzahler. Das hatten wir doch schon mal, oder?

Ist die Pharmaindustrie das einzige Beispiel solcher Machenschaften? Nein bei weitem nicht. Vor nicht allzu langer Zeit ging es beim (noch) Schweizerunternehmen „Syngenta“ – in der Sparte „kommerzielles Saatgut“ die Nummer drei auf der Welt – um ein Übernahmeangebot des chinesischen Konzerns „ChemChina“, notabene ein chinesisches Staatsunternehmen. Der Verwaltungsrat von „Syngenta“ empfahl den Aktionären, das Angebot anzunehmen. Verwundert? Nicht doch, denn die Devise lautet:

Gewinnoptimierung vor Versorgungssicherheit.

Na dann …?