Info 2575: Editorial

Frühlingserwachen
Christoph Witz, Ende Februar 2018

Ja, er ist’s! Ich hab ihn vernommen! Den Frühling nämlich. Und zwar olfaktorisch! Süsse, wohlbekannte Düfte streifen ahnungsvoll durch Gerolfingen. Nein, keine Veilchen. Die träumen noch. Dafür etwas Deftigeres: Sauerkraut! Wenn Dreyers Sauerkrautfabrikation auf Hochtouren läuft und süss-säuerliche Duftschwaden das ganze Dorf umhüllen, so ist der Frühling meist nicht weit.
Der Himmel ist zwar immer noch grau und neblig. Nix von blauem Band! Und von Westen bläst ein steifer, nasskalter Wind dem Frühling den Marsch und mir den Sauerkrautduft in die Nase. Also gerade das richtige Wetter, um das Grau des Alltags mit einer Sauerkrautplatte samt saftiger Berner Zungenwurst aufzuhellen. Eine Packung Sauerkraut vom letzten Jahr sollte im Keller noch zu finden sein. Gehört schliesslich bei allen Gerolfingern zum Notvorrat. Und wenn ich schon mal in die Niederungen des Kellers steige, kann ich auch gleich noch eine Flasche Kröver Nacktarsch Spätlese mitlaufen lassen. Denn nichts eignet sich besser Sauerkraut runterzuspülen, als Moselwein. Einige behaupten sogar, Sauerkraut sei in dieser Gegend eigens dazu erfunden worden, um die leicht süsslichen Moselweine besser abzubringen.
Voller kulinarischer Vorfreude steige ich also in den Keller hinab und öffne den Holzverschlag unseres Abteils. Aber oh Schreck: Welch desolater Anblick eröffnet sich mir beim Aufflackern der Neonröhre!
Hier sieht es ja aus wie in der Grabkammer eines Messies, die aus Versehen nicht geplündert worden war. Überall stapeln sich Gegenstände und versperren den Weg zum Weinregal. Das ist eine klare Notstandsitua-tion und da hilft nur eines: rigoros entrümpeln! Und zwar am besten ohne das Mitwissen meiner Frau, welche das Kellerabteil museal betreut und als allmächtige Kuratorin darüber wacht, dass keine Artefakten unerlaubt abhanden kommen.
Die Gelegenheit ist günstig. Meine Frau ist an einem Frauentreff in Bern und das kann dauern. In schweisstreibender Arbeit schaffe ich Artefakt um Artefakt beiseite: den ausgebeulten Stoffkoffer aus den späten 50ern, ein Erbstück meiner Mutter, den man in der guten alten Zeit füllen konnte, bis er aussah wie eine trächtige Kuh und auf den man sich setzen musste, um die Schnappverschlüsse schliessen zu können. Den alten Staubsauger, Electrolux, Ende 20. Jahrhundert, der beim Saugen so laut heulte, dass er das Klopfen der Nachbarn übertönte. Das Nierentischchen aus meiner Jugendzeit, welches nach unserer Hochzeit auf unerklärliche Weise aus unserem Haushalt verschwand. Der Abfallkübel „Patent Ochsner“ aus feuerverzinktem Blech aus den 60er Jahren, der lange als Pflanzenbehälter für unseren Buchs herhalten musste, bevor die Zünsler-Raupen letzterem den Garaus machten. Und zu allem Überfluss auch noch die vielen aufgestapelten Eternit-Geranienkistchen! Eine lästige Hürde, die den Zugang zum Moselwein-Regalfach unnötig versperren. Weg damit!
Sorgsam lade ich all die sperrigen Dinge ins Auto. Das Brockenhaus würde sich über den herrlichen Zuwachs seines Sortiments freuen.
Zu meinem Erstaunen zeigt die Geschäftsführerin des Brockenhauses wenig Begeisterung. Nach einem geringschätzigen Blick auf meine Antiquitätensammlung meint sie, ihre Regale seien leider zum Bersten voll. Im Frühling brächten alle ihre ausgedienten Sachen ins Brockenhaus. Interessanterweise vorwiegend Männer. Platz gebe es erst wieder in einigen Wochen, wenn die Ehefrauen dieser Männer vorbeikämen, um einen Teil der Ware zurückzukaufen. So leid es ihr tue, aber sie könne mein Gerümpel nicht entgegennehmen. Ich solle es doch gleich selbst in der Müve entsorgen. Unverschämtheit! Wie spricht diese Person von den Artefakte meiner Frau!
Vielleicht könnte ich sie ja am Täuffeler Dorfmärit einem Flohstand sponsern. Die Artefakten natürlich, nicht die Frau. Aber dann müsste ich die Antiquitäten wieder in den Keller zurückbringen und wäre somit gleich weit wie zuvor. Also nichts wie in die Müve.
Dort wartet weiteres Ungemach auf mich. Die Eternitbehälter seien Sondermüll, erklärt mir der Schalterbeamte. Das koste extra: 10 Franken! Pro Kistli! Und der Staubsauger sei Elektroschrott, Halle 5, Abteilung 125. Ochsner Kübel: Altmetall, Halle 3, Abteilung 95. Nein, hinfahren könne ich damit nicht. Für den Rest meiner Sammlung werde ich samt Wageninhalt gewogen und kann zur Feuerungsklappe rauffahren. Mit Wehmut schaue ich zu, wie Koffer, Nierentischchen und alle weiteren Kostbarkeiten im Höllenschlund verschwinden. Dann zurück zur Waage. Der Schalterbeamte pfeift durch die Zähne: „225 Kilo, das kostet Sie ein hübsches Sümmchen!“ Ich mache ihn darauf aufmerksam, dass ich als Fahrer alleine schon die Hälfte wiege und vorhin mit dem Sperrgut irrtümlich mitgewogen worden sei, obschon ich, streng genommen, nicht dazu gehöre. Das müsse man doch wieder abziehen. Der Beamte schaut mich leutselig an und meint: „Sie sind mir ein Spass-vogel! Macht 110 Franken!“
Zerknirscht fahre ich nach Hause und überlege mir, wie viele Flaschen Kröver Nacktarsch ich mit der Entsorgungsgebühr hätte kaufen können.
Doch nun steht meinem kulinarischen Genuss nichts mehr im Weg. Ab ins Kellerabteil, das nun die Nüchternheit eines Luftschutzbunkers ausstrahlt. Eine Flasche Nacktarsch unter den Arm geklemmt, Griff in den Tiefkühlschrank und mit Sauerkraut und Wurst bepackt rauf in die Küche.
Während ich etwas später genüsslich mein Sauerkraut verspeise und mit reichlich Moselwein nachspüle, kommt meine Frau nach Hause.
Ich solle nur in Ruhe fertig essen. Danach wäre sie froh, wenn ich die Geranienkistchen aus dem Keller heraufholen würde. Sie habe Primelnsetzlinge auf dem Markt in Bern gekauft und wolle diese einpflanzen.
Das riecht definitiv nach Ärger! Noch nie ist mir das Sauerkraut so sauer aufgestossen.

Deshalb, liebe Leser, bedenkt die Folgen, bevor ihr euren Keller entrümpelt und lasst lieber die Finger davon, selbst wenn es euch den schieren Nacktarsch kostet!